Meine Wechselstimmung - hin zur solidarischen Gesellschaft

Wahlkampf Groll Förster

Freising, 22.09.2013. Es gibt ja Dinge, die ich bei älteren Menschen früher, als ich noch jung war, gehasst habe. Zum Beispiel, wenn von der guten alten Zeit erzählt wurde. Aber mal ehrlich, finden Sie nicht auch, dass früher vieles besser war? Und ich meine jetzt gar nicht unbedingt die Tatsache, dass es nur drei Fernsehsender gab, die Blödsinn zeigen konnten, oder dass man auch mal ungestört und vor allem unerreichbar sein konnte. Nein, mir geht es natürlich um die Politik.

Früher verstanden sich viele Deutsche tatsächlich als Staatsbürger, als Menschen, die sich interessieren, informieren und einbringen. Die mitreden, mitdiskutieren und anpacken. Und heute? Mehr und mehr Menschen klinken sich aus der politischen Debatte aus, äußern sich höchstens noch anonym in Internetforen, was die Diskussion meist nicht bereichert, beobachten eher, was passiert. Wir sind von Mitwirkenden zu Zuschauern geworden, konsumieren Politik, ohne selbst einzugreifen.

Ähnlich einer Daily Soap betrachten wir die politischen Vorgänge in unserem Lande, seicht und oberflächlich, weil das Fernsehen kurze Statements braucht, weil sofort reagiert wird und reagiert werden muss, weil jede Äußerung sofort den Weg in die Öffentlichkeit findet, über facebook, twitter und SMS. Aber in ein paar Sekunden oder mit wenigen Zeichen lässt die Welt sich leider nicht erklären. Aber das fordern wir als Bürger auch gar nicht mehr ein. Wir sind froh, wenn wir uns mit Chips und Bier auf der Couch zurücklehnen können, Günther Jauch und Maybritt Illner gucken und mal reinschauen, was es so Neues in unserer Soap gibt. Und wir müssen uns glücklicherweise kaum umstellen, denn alle Rollen sind besetzt: der alte Grantler, der alles besser weiß und die Finanzen verwaltet, die spröde Mutti, der vorlaute Berufsjugendliche, der um die Welt reist und laute Sprüche klopft, die unbedarfte hübsche junge Frau, die schon einmal naiv in Interviews den Feminismus kritisiert und, natürlich, der strahlende Held, der mit seiner attraktiven Frau auf allen Bällen und Veranstaltungen auftaucht, der umschwärmt und geliebt wird.  Zumindest solange, bis die Zuschauer seiner überdrüssig sind und hinter die Fassade blicken.

Wir nehmen teil an Schicksalen, Hoffen und Bangen mit unseren Favoriten, diskutieren über die neuesten Entwicklungen, nicht, um einzugreifen, sondern wie man auch über das Fernsehprogramm plaudert. Glücklicherweise stehen seit einigen Monaten mehr und mehr Menschen auf und mischen sich plötzlich wieder in die Handlung ein, werden aktiv, agieren. Die Bevölkerung ist es Leid, in die Rolle des Zuschauers gedrängt zu werden. Wir bei der KAB machen unseren eigenen Film – und mal sehen, wer dann dabei mitspielen darf!

Rainer Förster
KAB Diözesansekretär München/Freising