Der erste Bundesverbandstag 1971 in Würzburg -
Eine Zeitreise

Linksruck in Würzburg? Erzbischof Camaras Kapitalismuskritik bestimmte Gründungstag der KAB 1971
Mit einer breiten öffentlichen Wirkung endete am 23. Mai 1971 auf dem Würzburger Schlossplatz der 1. Bundesverbandstag der KAB. Annähernd 10.000 Menschen hörten gespannt dem brasilianischen Erzbischof von Olinda und Recife, Dom Helder Camara zu. Die meisten mit Begeisterung, aber auch manche skeptisch.



Helder Camara sprach die Frauen und Männer der KAB direkt an. "Für den Kapitalismus gibt es keine Hoffnung", betonte er mit Blick auf die soziale und wirtschaftliche Situation auf der ganzen Welt. " Privilegierte ihrer Länder halten ihren Reichtum auf Kosten des Elends von Millionen dieser Mitmenschen aufrecht. Wir nennen das „Internen Kolonialismus“.

Themen wie Mindestlohn und Ausbeutung, Integration von Migranten und Diskriminierung von Ausländern, Mitbestimmung der Arbeiter und die Probleme des technischen Fortschritt haben auch heute, vierzig Jahre später, nichts von ihrer Aktualität verloren. Mit einem dringenden Appell an die Arbeitnehmer hat Erzbischof Helder Camara die Weltverantwortung den deutschen und besonders den katholischen Arbeitnehmern ins Gewissen gerufen. " Katholische Arbeitnehmer Deutschlands, weist Eure Brüder, die Arbeitnehmer in Europa und Nordamerika auf die Situation der Arbeitnehmerschaft in Euren entwickelten Ländern hin. Ihr habt tapfer gekämpft, um die Rechte zu erlangen, die Euch zustanden. Doch jetzt, nachdem Ihr wichtige Siege errungen habt, lauft Ihr Gefahr, zu verbürgerlichen und schreiende Ungerechtigkeiten zu vergessen, die Arbeiter – Eure Brüder – erleiden.

Die heftige Kritik des Theologen am Kapitalismus hat vor vierzig Jahren zur Kritik an den KAB-Verantwortlichen geführt. So sei der Bundesverbandstag mit seinen Beschlüssen und die kritische Rede Helder Camaras Belege für den Linksruck der KAB. Wolfgang Vogt, damals Redakteur der Ketteler Wacht und später CDU-Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Arbeitsministerium von Norbert Blüm rechtfertigte die Position der KAB damals mit den Worten: "Linksruck der KAB in Würzburg? Wer es so will, kann es so haben. Lieber dort, als in der rechten Ecke!"

Auch der jetzige Würzburger Leitantrag "Fair teilen - statt sozial spalten - Nachhaltig leben und arbeiten" setzt sich intensiv mit der Verantwortung Deutschlands und der Industrieländer für die globale Welt auseinander und hinterfragt erneut die derzeitige kapitalistische Wirtschaftsweise, die nach wie vor auf Kosten der Umwelt, der Bodenschätze, der Arbeiter, der Arbeitslosen und der Milliarden Menschen in den armen Ländern der Welt und nicht zuletzt unser aller Zukunft für Profit und Gewinn einer kleinen Klasse sorgt. " Sagen Sie mir nicht, Sie seien genug mit Ihren eigenen Problemen beschäftigt, oder mit den vielleicht zahlreichen Sozialfällen, die es bei Ihnen gibt. Das wirklich Traurige ist doch, dass die Ursachen der Existenz von Unterproletariern in armen Ländern und unterprivilegierten Arbeitern in reichen Ländern dieselben sind", betonte Dom Helder Camara in seiner Rede 1971.